Neurofeedback – vorläufige Stellungnahme der AG-ADHS
von Kirsten Stollhoff und Hans-Jürgen Kühle, Kinder- und Jugendärzte und Neuropädiater
Was ist Neurofeedback:
Biofeedback ist die Rückmeldung unbewusster Körpersignale, z. B. kann ein ein akustisches oder optisches Signal den aktuellen Hautwiderstand oder die Herzfrequenz darstellen und diese durch den Patienten beeinflussbar machen. Ziel eines Biofeedbacktrainings ist es, Kontrolle über die Steuerung des eigenen Körpers zu gewinnen und zur Verbesserung der eigenen Lebensqualität zu nutzen. Neurofeedback ist Biofeedback der Hirnaktivität. Es dient der neuronalen Selbststeuerung. Die Rationale des Neurofeedback ist, dass die Kontrolle kortikaler Aktivität erlernt werden kann und dass die geänderte Hirnaktivität zu geändertem Verhalten führt.
Neurofeedback beruht auf dem Prinzip des operanten Lernens: der Patient erhält eine Belohnung (z. B. Weiterlaufen eines Computerbildschirms, dafür danach Punkte, für Punkte Belohnungen..), wer seine Hirnaktivität in die erwünschte Richtung verändert, z. B. schnellere frontale EEG-Aktivitäten produziert, die klinisch mit erhöhter Aufmerksamkeit korrelieren.
2 Parameter können durch Neurofeedback bei ADHS modifiziert werden und brachten Studienbelegt Verhaltensverbesserungen:
- Die bei ADHS-Patienten zu langsame frontale-zentrale EEG-Aktivität kann beschleunigt werden
- Die langsamen subcortikalen Potentiale (SCP/LKP), die wahrscheinlich ein neurophysiologisches Korrelat der Aufmerksamkeitsregulation darstellen, werden negativiert.
Wenn dies von den Patienten trainiert wird, hat man bei beiden Verfahren eine Reduktion der ADHS-Symptomatik beobachtet
Was benötigt man:
Die Hirnströme des Patienten werden gemessen und mittels einer Software dem Patienten unmittelbar visuell als Veränderungen eines Bildschirms oder akustisch rückgemeldet. Dazu sind ein spezieller EEG-Verstärker, ein Computer + Software erforderlich.
Zeitrahmen:
Es gibt kein verbindliches Protokoll für die Durchführung. Bis die Steuerung der Hirnaktivierung automatisiert ist, sind viele Lerndurchgänge nötig, deshalb reichen die Empfehlungen von 30-40 bis zu 80 Sitzungen. In der Tübinger Arbeitsgruppe um Ute Strehl (s.u.) hat sich folgender Ablauf bewährt: 3 Trainingsblöcke à 10 Std.; 1 Block geht über 1-2 Wochen, d.h. pro Woche sollten 5 Trainingseinheiten à 1 Std. absolviert werden. Zwischen jedem Block liegt eine therapiefreie Zeit von 3-5 Wochen, die zum mentalen Training zu Hause (Transfer genannt) genutzt werden soll. Je nach den Ergebnissen bei einer Kontrolle 6 Monate nach Therapieende werden Auffrischungseinheiten nach 3-6 Monaten werden empfohlen
Studienlage:
Vor allem in den USA aber auch zunehmend in Europa werden Studien über die Wirksamkeit des Neurofeedbacks durchgeführt. Sie belegen eine Wirksamkeit von einer Effektstärke von 0,6 auf die Kernsymptomatik des AHDS (U.Strehl et al., Pediatrics 2006;118;1530-1540, H. Gevensleben et al, J Child Psychology and Psychiatry, 2009 in press ) . Im Vergleich dazu: eine MPH-Therapie weist eine Effektstärke von 0,7-1,0 auf.
Noch ist nicht sicher geklärt, ob es sich hier um unspezifische Effekte handelt bedingt durch die Interaktion zwischen Therapeut und Patient oder um einen Neurofeedbackeffekt. Die Studie von Drechsler et al (behavioral and brain functions 2007, 3:35) weist darauf hin, daß sich beide Effekte addieren. Auch ein Langzeiteffekt ist nicht gesichert: Die längste Follow-up-Studie durchgeführt von U.Strehl lief über 6 Monate.
Empfehlungen
Für eine ausgewählte Subgruppe von Kindern mit ADHS mag das Neurofeedback eine wirksame Therapie darstellen. Zu berücksichtigen ist der hohe Zeit - und auch Kostenaufwand . Das Neurofeedback stellt keine Krankenkassenleistung dar.
Aus den Studien geht nicht hervor, ob tatsächlich eine zeitgleich bestehende medikamentöse Therapie abgesetzt oder reduziert werden konnte, bzw. eine medikamentöse Therapie bei unbehandelten Kindern mit ADHS überflüssig wurde. Auch wenn meine Patienten und ihre Eltern sich überwiegend positiv über die Wirkung des durchgeführten Neurofeedbacks äußerten, so führte dies nicht zu einer Modifikation der medikamentösen Therapie, auch nicht zu einem Absetzen. Bei einem Patienten war erst unter MPH-Therapie das Neurofeedback möglich. Als positiv wurde geäußert, dass die Randzeiten (morgens vor Therapiebeginn, und bei Nachlassen der Wirkung am Abend) unproblematischer abliefen. dass sich das Selbstwertgefühl der Kinder gebessert habe wie auch die sozialen Kompetenzen und dass die Kernsymptomatik ADHS schwächer auftrat.
Inzwischen hat der Markt das Neurofeedback entdeckt: es werden im Internet Geräte zum Home-Training angeboten und Ergotherapiepraxen haben das Neurofeedback auf ihre Angebotsliste aufgenommen. Es ist nicht wissenschaftlich belegt, ob Hometraining wirksam ist. Fraglich ist, ob es zu Hause überhaupt regelmäßig angewandt wird (wer benutzt schon regelmäßig sein Home-Trainingsfahrrad ???). Es ist mit der durch einen kompetenten Trainer begleiteten Therapie nicht zu vergleichen. Auch bei den in Ergotherapiepraxen durchgeführten Trainings ist die Qualität der Trainer(in) nicht gesichert. Hier wird es auch meist 1-2x/Woche angeboten. Für diese niederfrequenten Therapieangebote gibt es aber ebenfalls keinen Wirksamkeitsnachweis. Nur das hochfrequente blockweise Training hat sich in Studien und im Gruppenvergleich als wirksam erwiesen. Dies ist plausibel, denn für die Automatisierung durch operantes Lernen sind häufige Wiederholungen ohne zwischenzeitliche Löschung des neuerworbenen Verhaltens die Voraussetzung. Und das Risiko der Löschung steigt mit jedem Tag, an dem nicht mindestens im Transfer in den ersten Monaten die Aktivierung durchgespielt wird.