AG ADHS - Arbeitsgemeinschaft ADHS
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Arzneimittelrichtlinien zur Verordnung von Methylphenidat

„Verschärfung“ der Arzneimittelrichtlinien zur Verordnung von Methylphenidat:
wo bitte ist die Verschärfung für Kinder- und Jugendärzte?

1. Oktober 2010, K. Stollhoff und K. Skrodzki

Der GBA (Gemeinsame Bundesausschuss ) hat in seiner Sitzung am 16.9.2010 die Anlage II der Richtlinie über die Verordnung von Arzneimitteln in der vertragsärztlichen Versorgung (Arzneimittel-Richtlinie ) modifiziert. Dies betrifft unter der Nr. 44 auch die Verordnung von Methylphenidat (MPH) bei der Behandlung von Kindern > 6 Jahre mit ADHS. Die jetzt veröffentlichte Veränderung des Textes erfolgte im Anschluss an ein Stellungnahmeverfahren, in dessen Rahmen sich medizinische Fachgruppen und Pharmaunternehmen äußern konnten. Der ursprüngliche Text ist bereits seit Juli 2009 Bestandteil der Gebrauchsinformationen und Fachinformationen von MPH-haltigen Arzneimitteln in Europa. Damit wurde auf Anforderung der EMEA eine EU-weite einheitliche Fachinformation erstellt. Wer den in der Sitzung vom 16.9.2010 modifizierten Text liest (www.g-ba.de/informationen/beschluesse/1185), wird feststellen, dass es sich keineswegs um eine „Verschärfung der Verordnung von Methylphenidat“ handelt, sondern um eine Beseitigung von Unklarheiten und missverständlichen Textpassagen.

  • So darf sich die Diagnose von ADHS nicht alleine auf das Vorhandensein eines oder mehrerer Symptome stützen, sondern sollte auf einer vollständigen Anamnese und Untersuchung des Patienten basieren.“

  • Die Arzneimittel dürfen nur von einem Spezialisten für Verhaltensstörungen bei Kindern und/oder Jugendlichen verordnet (Facharzt/Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin; Facharzt/Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie und –psychotherapie; Facharzt/Fachärztin für Nervenheilkunde, für Neurologie und/oder Psychiatrie oder für Psychiatrie und Psychotherapie, ärztliche Psychotherapeuten mit einer Zusatzqualifikation zur Behandlung von Kindern und Jugendlichen nach § 5 Abs. 4 der Psychotherapie-Vereinbarungen) und unter dessen Aufsicht angewendet werden. In Ausnahmefällen dürfen auch Hausärzte/Hausärztinnen Folgeverordnungen vornehmen, wenn gewährleistet ist, dass die Aufsicht durch einen Spezialisten für Verhaltensstörungen erfolgt.“

In Erweiterung zu dem ursprünglichen Text wurden jetzt also die Fachgruppen explizit aufgeführt.

  • Der Einsatz von Stimulantien ist im Verlauf besonders zu dokumentieren, insbesondere die Dauertherapie über 12 Monate sowie die Beurteilung der behandlungsfreien Zeitabschnitte, die mindestens einmal jährlich erfolgen sollten.“

Häufig kommt es im Laufe eines Jahres zu behandlungsfreien Zeitabschnitten (z. B. Wochenende, Ferien) - oft unfreiwillig.
Diese und deren Auswirkungen sind zu dokumentieren und zu beurteilen.

  • Der Einsatz von MPH-haltigen Präparaten ist verboten ... „ausgenommen bei hyperkinetischer Störung bzw. Aufmerksamkeitsdefizit/Hyperaktivitätsstörung (ADS/ADHS) im Rahmen einer therapeutischen Gesamtstrategie, wenn sich andere Maßnahmen allein als unzureichend erwiesen haben, bei Kindern (ab 6 Jahren) und Jugendlichen“

Damit wird ein missverständlicher Text dahingehend verändert, dass auch bei Jugendlichen eine initiale Therapie mit Methylphenidat gestattet ist im Rahmen einer therapeutischen Gesamtstrategie, wenn sich andere Maßnahmen allein als unzureichend erwiesen haben.

Die jetzt herausgegebene Änderung stellt also höchstens eine Verschärfung für Allgemeinärzte, nicht jedoch für Kinder- und Jugendärzte dar, wurde aber in Windeseile als solche im Internet auf Webseiten von z.B. „Heilpraxis“, „Naturheilpraxis“, dem „Lehrerfreund“ und „heute gesund leben“ propagiert. Verunsicherte Patienteneltern und Kollegen haben sich bereits in unseren Praxen gemeldet, konnten aber beruhigt werden. Leider hat auch das Ärzteblatt eine Veränderung im Sinne einer „Restriktion“ in der Verordnung von Methylphenidat bekannt gegeben. Ich hoffe, mit obenstehendem Text erhalten Kinder- und Jugendärzte, die Kinder mit ADHS mit Methylphenidat betreuen, ausreichende Informationen, um auch weiterhin unbesorgt Diagnostik und Therapie durchzuführen.

Im übrigen übernehmen die GBA – Beschlüsse nur Vorgaben, die in der Leitlinien zu ADHS der Kinder- und Jugendärzte (www.ag-adhs.de → Leitlinie) als der Goldstandard für Diagnostik und Therapie gelten.

Damit eine sorgfältige und umfassende Diagnostik und kontinuierliche Betreuung und Begleitung der Therapie auch adäquat honoriert werden kann, wurde in Zusammenarbeit der oben genannten Fachgruppen (Spezialisten für Verhaltensstörungen), der sog. KBV Vertrag abgeschlossen. Leider erfolgt die Umsetzung bisher nur durch BKKs in Baden-Württemberg. Trotz intensiver Verhandlungen wird der zukunftsweisende Vertrag sonst im Bundesgebiet bedauerlicher und unverständlicher Weise von keiner KK umgesetzt.

Warum die Veröffentlichung des BGA von bestimmten Kreisen missgedeutet wurde – ein Schelm, der Böses dabei denkt.

Dr. med. Kirsten Stollhoff und Dr. med. Klaus Skrodzki, Vorstand der AG ADHS der Kinder- und Jugendärzte